Watch_Dogs: Verhaltensregeln eines moralischen Helden

watch_dogs_logoHeute morgen bin ich aufgewacht und hatte eine Vision. Eine Vision von meinem eigenen viralen Trend. Aufgepasst! September ist Moralemper! Na? Na? Das hat doch einen guten Klang, oder?

Böse Zungen werden jetzt vielleicht behaupten, dass ich damit nur überspielen möchte, dass thematisch nach Dirks Artikel über „Army of Two“ nun der zweite Beitrag in Folge zum Thema Moral in Videospielen kommt, aber das ist üble Nachrede. Ähem … wie dem auch sei: Willkommen zum Moralemper!

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich die letzte Mission von „Watch_Dogs“ erfolgreich absolviert und den Rachefeldzug des griesgrämigen Hackers Aiden Pearce erfolgreich beendet. Yeah! Ein gutes Spiel … nicht großartig oder gar perfekt, aber gut. Eine Sache hat mich allerdings die gesamte Spielzeit über ein wenig verwirrt, teilweise sogar gestört: das Moralsystem.

Lasst mich kurz erläutern: Ubisoft hat „Watch_Dogs“ mit einem relativ rudimentären Moralsystem bedacht. Tut ihr Gutes, steigt euer Ansehen bei der Bevölkerung, bei schlechten Taten sinkt es wiederum und gesetzestreue Bürger rufen bei eurem Anblick eventuell die Polizei. Soweit so simpel. Basierend auf diesem System habe ich einige einfache Verhaltensregeln für angehende Selbstjustizler zusammengestellt. Was ist okay (beziehungsweise moralisch vertretbar) und was geht gar nicht?

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watch_dogs_thumb1MORALISCH OKAY: TASCHENDIEBE (UND ANDERE ÜBELTÄTER) ZUR STRECKE BRINGEN

Solltet euer Handy euch dank eurer fantastischen Hackfähigkeiten den Hinweis geben, dass in Bälde ein Verbrechen in eurer Nähe stattfinden könnte, solltet ihr das selbstverständlich verhindern. Keine Sorge: die Schandtat wird nicht verübt werden, bevor ihr am zukünftigen Tatort eintrefft, besondere Eile ist also nicht von Nöten. Werdet ihr zufällig Zeuge eines Taschendiebstahls? Verfolgt den Übeltäter und bringt ihn zur Strecke! Wichtig: Ihr müsst dem Opfer das Diebesgut nicht wieder zurückbringen oder gar darauf warten, dass die Polizei den Halunken in Gewahrsam nimmt … das wäre vollkommen übertriebenes Gutmenschentum. Prügelt dem Missetäter einfach die Seele aus dem Leib und lasst ihn dann auf der Straße liegen. Der Rest erledigt sich schon von selbst. Das Beste daran: erfolgreich verhinderte Verbrechen steigern automatisch euer Ansehen bei der Bevölkerung. Sollten Opfer und/oder Täter überleben … umso besser!

watch_dogs_thumb2GEHT GAR NICHT: VERBRECHEN VERHINDERN BEVOR SIE STATTFINDEN

Natürlich ist es praktisch vor Ausführung eines Verbrechens zu wissen, dass dieses in naher Zukunft stattfinden wird. Es wäre jedoch ein typischer Anfängerfehler diese kriminelle Machenschaften bereits im Ansatz zu verhindern. Es wäre geradezu dumm, wenn man von Täter und/oder Opfer vor der Tat gesehen wird. Dies könnte nämlich dazu führen, dass der potentielle Täter sein Tun noch einmal überdenkt (der durchschnittliche Schurke wird bei seinen Schandtaten nur ungern beobachtet) oder dass das Opfer in spe durch das auffällig unauffällige Herumlungern des zukünftigen Retters verunsichert wird und einfach abhaut bevor ihm Übles zustoßen kann. Nein … das wäre gar nicht gut.

Besser: Geduldig im Schatten lauern und warten bis der kriminelle Akt tatsächlich durchgeführt wird. Erst dann zuschlagen! Sollte das Opfer dabei zu Schaden kommen ist das absolut akzeptabel. Denn merke: Nur wenn ein Verbrechen auch wirklich stattfindet, ist garantiert, dass die Bevölkerung von deiner Heldentat erfährt und dein Ansehen steigt.

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watch_dogs_thumb1MORALISCH OKAY: DIE INTIMSPHÄRE DEINER MITBÜRGER VERLETZEN

Klare Sache: Wer so bekloppt ist und sich in irgendeiner Form ins Internet wagt, verlangt quasi danach ausspioniert zu werden. Von daher spricht auch rein gar nichts dagegen, genau dies zu tun. Angefangen beim simplen Kurzprofiling auf der Straße, bis hin zum Hacken privater Webcams … die Grenze ist nur die Firewall (just kidding … die Firewall, die einen talentierten Hacker wie dich aufhält, muss erst noch erfunden werden).

watch_dogs_thumb2GEHT GAR NICHT: DEINE MITBÜRGER VERLETZEN (ODER GAR TÖTEN)

Versteht sich von selbst: Ein selbstloser und heldenhafter Selbstjustizler verletzt keine Unschuldigen. Das ist ein absolutes No-Go! Dies beinhaltet selbstverständlich auch die Polizei, schließlich ist diese unser Freund und Helfer. Denn merke dir eines: verletzte Mitbürger und/oder Polizisten schaden deinem Ansehen in der Öffentlichkeit. Allerdings …

watch_dogs_thumb1MORALISCH WIEDERUM OKAY: DEINE MITBÜRGER BEI VERFOLGUNGSJAGDEN VERLETZEN

Wie jeder Freund der Selbstjustiz weiß, lassen sich Verfolgungsjagden nicht immer vermeiden … sei es mit der Polizei, mit Bösewichte oder sowohl als auch. Als gewiefter Hacker kann man jedoch problemlos die Stadt zu seiner Waffe machen. Kurz sämtliche Ampeln einer Kreuzung auf grün schalten oder eine Wasserleitung in die Luft jagen und kaum hat man sich versehen, ist auch dieses Problem gelöst. Dabei können vereinzelt auch Unbeteiligte Schaden nehmen. Mach dir nichts weiter draus … so ist es halt im Leben. Dein Ansehen bei der Öffentlichkeit mag vielleicht ein wenig sinken, doch sei unbesorgt: 1-2 Taschendiebe später ist auch das wieder im Lot.

watch_dogs_thumb2GEHT GAR NICHT: ÄÄÄÄHM…

Öhm … tja … das war es eigentlich. Doch verzage nicht, denn es gibt noch einige Dinge, die man auf den ersten Blick zwar für unmoralisch halten könnte, die jedoch ausdrücklich okay sind. Wie zum Beispiel …

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watch_dogs_thumb1MORALISCH OKAY: DIE KONTEN DEINER MITBÜRGER HACKEN UND LEER RÄUMEN

Was hätte man davon ein cooler Hacker zu sein, wenn man sich nicht gelegentlich die Himbeeren aus dem Kuchen picken würde (ich mag keine Rosinen). Begegnest du auf der Straße also jemanden, der sein Bankkonto nicht ausreichend geschützt hat, tue dir keinen Zwang an und bediene dich freimütig. Solltest du beim Profiling angezeigt bekommen, dass derjenige ein krebskranker alleinerziehender Vater ohne Job ist … na und? Das ist doch nicht dein Problem! Kleingeistige Gemüter mögen zwar behaupten, dass dies auch nicht viel besser als Taschendiebstahl sei, lass dich davon jedoch nicht beirren. Virtueller Diebstahl ist kein echter Diebstahl. Davon abgesehen haben es diese Dummköpfe doch gar nicht anders verdient. Verdammte Kacknoobs.

watch_dogs_thumb1MORALISCH OKAY: AUTODIEBSTAHL (SOLANGE DER BESITZER NICHT IN DIESEM SITZT)

Moderne Autos sind schon etwas Wundervolles … mehr Computer als simple Motorkutschen. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass ein gewiefter Hacker Automobile mit einem handelsüblichen Handy sowohl knacken als auch starten kann … und zwar ohne mit dem Smartphone die Scheibe einzuwerfen (das könnte ja jeder). Da es in ganz Chicago glücklicherweise keinen einzigen veralteten Gebrauchtwagen gibt, heißt das im Umkehrschluss, dass sämtliche Fahrzeuge auf der Straße frei verfügbar sind. Merkt euch: Es ist kein Diebstahl solange man den fahrbaren Untersatz nach Benutzung irgendwo abstellt (wie zum Beispiel auf dem Grund des Chicago River). Daher hat ein Autodiebstahl … ähm … ich meine: eine Autoleihgabe … selbstverständlich auch keinerlei Auswirkungen auf euer Ansehen in der Öffentlichkeit. Rein theoretisch könnte man im Falle eines Notfalls natürlich auch einfach einen unbescholtenen Mitbürger aus seinem Fahrzeug zerren und sich dieses kurz ausleihen. Es könnte jedoch vorkommen, dass der unfreiwillige Neu-Fußgänger eure Absichten missversteht und die Polizei ruft. Das wäre ärgerlich.

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watch_dogs_thumb1MORALISCH OKAY: ÜBER BERGE VON LEICHEN GEHEN, UM DEN TOD DEINER NICHTE ZU RÄCHEN (UND DABEI AUCH KEINE RÜCKSICHT AUF DIE WÜNSCHE DER MUTTER NEHMEN) 

Ist euch das schon einmal passiert: Ein kleiner Hackangriff geht schief, ihr verärgert die falschen Leute, diese heuern einen Auftragskiller an und beim anschließenden Anschlag auf euch komm eure kleine Nichte ums Leben? Wenn dem so sein sollte … rächt euch! Nehmt keine Rücksicht! Tötet jeden, der euch im Weg steht (bis auf diejenigen, die ihr aus nicht komplett nachvollziehbaren Gründen nur K.O. schlagen dürft). Auch Folter ist vollkommen in Ordnung, wenn sie angebracht ist. Die Mutter eurer Nichte (und zugleich eure Schwester) bittet euch, die Sache ruhen zu lassen, damit nicht noch mehr Unheil passiert? Ignoriert sie, denn Rache ist wichtig! Sollte tatsächlich Schlimmeres passieren und es zu etwaigen Entführungen zuvor genannter Mutter kommen, werdet richtig sauer. Befreit eure Schwester und erklärt ihr, dass sie und ihr Sohn ihr altes Leben hinter sich lassen müssen. Verspürt ihr ein beißendes Schuldgefühl, weil ihr das Leben einer unschuldigen Familie zerstört habt? Ignoriert es, denn Rache ist wichtig!

MORALISIERENDES ZUM ABSCHLUSS

Bei dem ganzen Moral-Kuddelmuddel stellt sich mir an sich in erster Linie nur eine Frage: warum zum Teufel gibt es in diesem Spiel überhaupt ein Moralsystem? Aiden Pearce ist ein Krimineller. Punkt. Er ist keinen Deut besser als der durchschnittliche G.T.A.-Antiheld. Wieso versucht man durch die Implementierung eines Moralsystems den Eindruck zu erwecken, dass dem nicht so wäre? Weil er ein Hacker ist? Möglicherweise, denn Hacker sind bekanntermaßen moderne Robin Hoods … alle miteinander Ganoven mit Herz.

Die Tatsache, dass Aidens Charakter zudem nicht sonderlich sympathisch gezeichnet ist, trägt nur zu der Verwirrung bei. Aiden ist kein Han Solo. Er ist ein getriebener Mann, erfüllt von der Hoffnung durch Rache seinen Frieden zu finden. Auf seinem Feldzug nimmt er keinerlei Rücksicht … weder auf sich, noch auf seine Feinde oder Freunde. Er geht über Leichen, zerstört Leben, opfert Menschen … alleine die Rache zählt. Es ist nur konsequent, dass er am Ende vor einem Trümmerhaufen steht. Oder anders gesagt: Aiden Pearce ist kein Held …auch er ist (wie seine G.T.A-Gegenstücke) ein Antiheld. Wieso also ein Moralsystem? Versteht mich nicht falsch … „Watch_Dogs“ wird deswegen nicht zu einem schlechteren (oder besseren) Spiel, aber auf der rein inhaltlichen Ebene konstruiert man dadurch solch einen wirren Moralkodex wie ich ihn weiter oben niedergeschrieben habe. In einem Spiel, das Datenklau und die Verletzung der Privatsphäre thematisiert, kann Moral ein extrem spannendes Thema sein – in Zeiten von NSA-Skandalen und Fappenings sogar ein besonders wichtiges – … aber in „Watch_Dogs“ wirkt die Behandlung des Ganzen allerhöchstens gewollt, jedoch auf keinen Fall gekonnt.

Und damit erkläre ich den Moralember dann auch wieder für beendet (mein nächster Beitrag wird vermutlich etwas anderes thematisieren und so viele Tage hat der September dann ja auch nicht mehr … ähem). Schön war’s.

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Amazon-Einkauftipps: Watch_Dogs kann man für zahlreiche Plattformen in verschiedensten Editionen zu unterschiedlichen Preisen (Stand September 2014: 30,49 € bis 101.99 €) bei Amazon erstehen. Wollt ihr lieber einen ehrlichen Gangster spielen, empfiehlt sich das allseits beliebte Grand Theft Auto V, welches man mittlerweile ja auch für PC, PS 4 und Xbox One vorbestellen kann.

3 Antworten auf Watch_Dogs: Verhaltensregeln eines moralischen Helden

  1. DMJ sagt:

    Gibt es demnächst auch einen DLC, in dem man Jennifer Lawrences Nacktfotos stehlen kann? Schließlich ist die Schauspielerin und hat entsprechend keine Persönlichkeitsrechte, welche die Moralwertung drücken könnten. 😛

  2. Andreas sagt:

    Da in der Welt von „Watch_Dogs“ keinerlei Persönlichkeitsrechte moralisch relevant sind, spricht genauso wenig gegen einen Jennifer-Lawrence-Nacktbild-DLC wie gegen einen Dirk-M-Jürgens-Nacktbild-DLC 😀

  3. DMJ sagt:

    Das Hauptargument gegen einen solchen wären ja nicht Persönlichkeitsrechte, sondern der Fortbestand der Menschheit: Denn wenn ein solcher auftauchte, würden ja augenblicklich alle Männer schwul und die Spezies aussterben.

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