E.T. und der Untergang der Videospiele

et_teaser_neuEs folgt ein Beitrag zum Thema „Geschichte und was wir aus ihr lernen können (oder auch nicht)“. Mit Bonusspiel!

Es ist bereits eine kleine Weile her, da zogen einige furchtlose Männer im Auftrag von Microsoft in die Wüste und gruben ein großes Loch. In diesem Loch lagen furchtbar viele furchtbar alte Spiele. Die gesamte Menschheit freute sich (na gut … fast die gesamte Menschheit), denn man hatte endlich eine der populärsten urbanen Legenden der Videospielgeschichte verifiziert. Diese Legende besagte, dass Atari in den 1980er Jahren unzählige unverkäufliche E.T.-Module in der Wüste New Mexicos verscharrt hatte und nun lag endlich (endlich!) der Beweis vor, dass dem auch tatsächlich so war. Jubel in allen Gassen. Vermutlich hätte man auch einfach jemanden fragen können, der dabei war, als man seinerzeit die Teile im Sand versenkt hat, aber das wäre in der geplanten Doku vermutlich weniger spannend anzuschauen gewesen.

E.T. – DER VERNICHTER

Die mittlerweile legendäre Versoftung von Spielbergs Außerirdischenmär „E.T.“ erschien 1982 für den Atari VCS 2600. Das Spiel selbst war vom Start weg zum Scheitern verurteilt, da es zwar einerseits innerhalb kürzester Zeit eilig zusammen geschustert werden musste, andererseits jedoch zugleich vollkommen überambitioniert war. Das Ergebnis war wenig überraschend: mit „E.T. the Extra-Terrestrial“ schuf Atari das spielerische Äquivalent eines miefigen Alienhaufens, den niemand haben wollte. Man erzählt sich, dass das Spiel so legendär schlecht war, dass es der maroden US-Videospielbranche den letzten tödlichen Dolchstoß versetzt hat. Ein Jahr nach Erscheinen des Spiels kollabierte der Videospielemarkt in den USA endgültig. Innerhalb kürzester Zeit wandelte sich Branchenführer Atari vom am schnellsten wachsenden Unternehmen Amerikas zu einem lästigen Furunkel, den der Mutterkonzern Time Warner möglichst schnell abstoßen wollte. Es sollten zwei weitere Jahre vergehen bis Nintendo mit seinem schnauzbärtigen italienischen Erlöser den dahinsiechenden US-Markt wiederbeleben konnte.

Es wäre natürlich vermessen einem einzigen Spiel die Alleinschuld am Scheitern einer gesamten Branche zu geben. Zwar ist E.T. in der Tat kein sehr gutes Spiel, aber auch nicht zwingend bedeutend schlechter als viele andere Spiele seiner Ära. Genau dort liegt dann letzten Endes auch der Hund begraben. Anfang der 1980er herrschte eine Goldgräberstimmung in der jungen, wilden und äußerst erfolgreichen Videospielbranche. Es war vollkommen egal, was man in die Geschäfte brachte … solange man es mit einem Joystick steuern konnte, war der finanzielle Erfolg quasi garantiert. Die logische Folge: jeder, der konnte, war bemüht möglichst viele Spiele (und auch möglichst viele Konsolen) in möglichst kurzer Zeit auf den Markt zu werfen. Qualität war hierbei allerhöchstens von sekundärem Interesse, schließlich konnte man auch einfach immer wieder  „Pong“ unter neuem Titel veröffentlichen. Eine Zeit lang ging diese Geschäftsstrategie auch durchaus auf. Als dann jedoch der Reiz des Neuen verflogen war, wurde den Kunden zunehmend bewusst, dass man beim Spielekauf immer häufiger in die Jauchgrube griff und immer seltener auf Gold stieß. E.T. war dank der Popularität des Filmes lediglich der prominente Höhepunkt dieser Entwicklung.

30 JAHRE SPÄTER

Doch genug der ollen Kamellen, machen wir einen großen Sprung Richtung Gegenwart. Heutzutage gehören Videospiele zu den umsatzstärksten Unterhaltungsmedien, „Grand Theft Auto 5“ spielte 2013 sogar mehr als jeder Hollywood-Blockbuster ein. Die Branche boomt und spätestens dank der mobilen Revolution sind Spiele auch im Mainstream angekommen. Visuell und narrativ ist das Medium seinen Kinderschuhen mittlerweile entwachsen. Filme orientieren sich optisch zunehmend an populären Spielen, Spiele rühren wiederum mit emotionalen Geschichten immer häufiger zu Tränen. Die Zeiten grober Pixel und schlampig produzierter Massenware ist vorbei (Ausnahmen bestätigen die Regel). Und doch prophezeien diverse Medien mit schöner Regelmäßigkeit den nächsten großen Videospielecrash. Müssen wir uns alle Sorgen machen?

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Gerne wird der Zustand moderner Triple-A-Titel als Beleg für diese düstere Zukunftsvision herangezogen. Die prestigeträchtigen Big-Budget-Produktionen scheinen seit geraumer Zeit kreativ zu stagnieren. Werfen wir nur mal einen Blick auf die großen Ankündigungen der E3: Egoshooter („FarCry4“, „Halo 5: Guardians“), Third-Person-Shooter („Tomb Raider 2“, „The Order: 1886“), Multiyplayer-Shooter („Rainbow Six: The Siege“, „Battlefield Hardline“), Schießbuden-Shooter („Call of Duty: Advanced Warfare“) … hauptsache Shooter (und Fortsetzungen selbstverständlich)! Explosionen werden immer größer, offene Welten zunehmend offener, das Gameplay bleibt jedoch auf der Strecke. Selbst innovative Konzepte werden im Laufe unzähliger Fokusgruppentests so lange weichgespült bis am Ende stets ein einheitlicher laut rummsender Spielebrei herauskommt, dessen Zutaten jeder von jedem abschaut (mit Ausnahme von Ubisoft … die kopieren in erster Linie den eigenen Spielekatalog). Und als wäre das nicht genug; Die Produktion dieser im Kern identischen Spiele wird immer kostenintensiver. Die Folge: selbst wenn ein Spiel eigentlich als Erfolg gelten müsste, da es sich mehrere Millionen mal verkauft hat, kann es passieren, dass es seine Herstellungskosten nicht einspielt.

Kreativer Stillstand und Kostenexplosion … das klingt in der Tat nicht gut. Sobald die Kunden begreifen, dass sie immer wieder nur den gleichen seichten Mist vorgesetzt bekommen, der die Publisher zugleich jedoch zunehmend mehr kostet, wird die gesamte Branche implodieren. Die Geschichte wird sich wiederholen! Und überhaupt … in spätestens 5 Jahren spielen doch eh alle nur noch mit dem Handy. Das ist doch die Situation! Vielleicht sollte man einfach wieder das gute alte NES ausgraben, schließlich war früher sowieso alles besser!

Meines Erachtens ist das Quatsch!

ANALYSEN EINES AMATEUR-ANALYTIKERS

Mein geistiges Ohr hört bereits das Raunen der ungläubigen Massen, weshalb ich direkt ein wenig eingeschüchtert zurückrudere und zugebe, dass ich natürlich kein Analyst bin und streng genommen keine Ahnung von all den Prozessen habe, die für den Aufstieg und Fall einer Industrie verantwortlich sind. Doch das hält mich nicht davon ab meine selbstverständlich gut begründete Meinung in die Welt zu posaunen und zu behaupten, dass diese die alleinige und wahrhaftige Wahrheit darstellt.

Der große Videospielcrash des Jahres 1983 wurde in einem Umfeld geboren, welches mit dem heutigen nicht mehr vergleichbar ist. Videospiele waren noch keine etablierte Unterhaltungsform, die Branche selbst noch jung. Heutige Unternehmensriesen wie Electronic Arts und Activision waren lediglich ein wild zusammengewürfelter Verbund enthusiastischer Träumer. Es gab noch keine feste Strukturen, keine Qualitätstandards, Coyprightfragen waren noch ungeklärt … oder anders gesagt: im Endeffekt machte jeder was er wollte. Die gesamte Branche war ein eher wackliges Gebilde, welches leicht zum Einsturz gebracht werden konnte und bekanntermaßen auch wurde. Heute, über 30 Jahre später, sieht das jedoch deutlich anders aus.

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Wie zuvor bereits ausgeführt sind Videospiele mittlerweile sowohl künstlerisch als auch finanziell durchaus ernst zu nehmende Unterhaltungsmedien. Aus dem wackligen Gebilde wurde ein solider gut strukturierter Koloss. Fähige Geschäftsleute mit einem Gespür für die Branche haben die Führung übernommen und Videospiele vom kleinen wilden Quereinsteiger zu einem etablierten Riesen geformt. Lasst mich einen kleinen gedanklichen Schlenker machen und eine mehr oder weniger provokante These formulieren: die Tatsache, dass die Führungsriegen der Marktführer nur zu einem eher kleinen Teil mit den kreativen Köpfen der Branche besetzt sind, ist gut und wichtig. Denn: kreative Menschen wissen zwar häufig wie man tolle Dinge erschafft, sie wissen jedoch nur selten wie man diese erfolgreich in Geld verwandelt. Fokusgruppentests sind dabei genauso wichtig wie ein gewinnorientierter Geldgeber, der das Kreativteam ab einem gewissen Punkt dazu zwingt, einen Schlussstrich unter ein Projekt zu setzen (und sei es auf Kosten des ein oder anderen Features). Wäre dem nicht so, würden wir vermutlich spürbar häufiger Zeugen von wirrem Ideenmurks und endlosen Entwicklungsodyseen werden (man denke nur an „Duke Nukem Forever“).

Doch zurück zum eigentlichen Thema (man stelle sich an dieser Stelle ein weltmännisches Räuspern meinerseits vor, dem es gelingt die Aufmerksamkeit geschickt auf das nun Folgende zu lenken). Ich mag mich zwar täuschen, doch ich denke, dass ein plötzlicher Zusammenbruch der Videospielbranche zum jetzigen Zeitpunkt ähnlich wahrscheinlich (oder unwahrscheinlich) ist wie ein plötzlicher Tod der amerikanischen Filmindustrie (wobei dieser zugegebenermaßen auch immer mal wieder prognostiziert wird). Gelegentliche Krisen möchte ich selbstverständlich nicht ausschließen, doch ein Untergang von heute auf morgen … ich denke nicht. Publisher mögen zwar immer mal wieder pleite gehen, Studios mögen vereinzelt nach Misserfolgen geschlossen werden und vielversprechende Spiele mögen wegen Budgetkürzungen eingestellt werden  … Videospiele an und für sich werden dennoch nicht plötzlich von der Bildfläche verschwinden. „Doch was nützt mir das sichere Fortbestehen der Telespiele wenn die Zukunft aus erbärmlichem und komplett belanglosen Casual-Schrott für mobile Endgeräte oder aus seelenloser und mindestens ähnlich belangloser Triple-A-Einheitsgrütze besteht?“, fragt sich so manch einer und ergießt seine angestaute Aggression eloquent (oder zumindest bemüht) im Kommentarbereich jeder noch so banalen Meldung zum neuestens „Call of Duty/Assassin’s Creed/Battlefied/Angry Birds/o.ä.“.

VERSNOBTES PLÄDOYER

Das möchte ich auch niemandem verbieten … aber ich kann es nicht mehr hören bzw. lesen. Man begegnet ihnen überall, diesen elitären Spielesnobs, die den Untergang des Abendlandes prophezeien … gebe es da nicht dieses eine Ding, dass ihnen persönlich zusagt … seien es die Retrosnobs, die Indiesnobs, die Japanosnobs, die Snobsnobs … vollkommen egal. Okay … zugegeben … auch ich bin im Grunde meines Herzens ein solcher Snob, doch ich würde niemals auf die Idee kommen, den Verfall der Branche herbei zu beschwören, nur weil mir persönlich nicht jeder Trend zusagt. Letzten Endes mir ist eine Sache bewusst: Momentan leben wir in der Blütezeit des Videospielens, noch nie war es so befriedigend ein Gamer zu sein. Die thematisch Bandbreite ist so … ähm … breit wie noch nie zuvor. Wir müssen uns nicht länger mit Kinderkrankheiten und uneleganten Designexperimenten herumschlagen. Ein gesamter Forschungszweig, die Ludologie, beschäftigt sich mit der Theorie des Videospielens und die Hersteller haben einen massiven Erfahrungsschatz, der zu zunehmend perfektionierten Spieleerlebnissen führt. Dem ein oder anderen mag das zwar zu glatt gebügelt sein, doch das Tolle ist: wenn man sich weiterhin mit rauen, uneleganten (manchmal jedoch auch besonders eleganten) Designexperimenten herumschlagen möchte, kann man das auch weiterhin machen. Für was gibt es schließlich Indiespiele? Seit den Anfangstage der digitalen Spiele (in denen so ziemlich jeder Hersteller gezwungenermaßen ein Indie war) gab es keine so lebendige und starke unabhängige Entwicklerszene.
Zu guter Letzt gibt es selbstverständlich auch noch eine unüberschaubare Flut von Free2Play-Spielen. Für viele mögen diese zwar mehr Fluch als Segen sein, doch im Grunde sind das zunächst einmal geschenkte Computerspiele. In meinen Jugendtagen hätte mich das vermutlich ziemlich begeistert. Im Umkehrschluss hat man heutzutage allerdings auch die Freiheit immense Geldsummen in ausgemachte Schrottspiele zu stecken. It truly is a brave new (gaming) world.

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Das Hobby „Videospielen“ befindet sich im stetigen Wandel. Möglicherweise wird in einigen Jahren Virtual Reality der neue heiße Scheiß sein, vielleicht wird Cloud Gaming stationäre Konsolen ablösen … doch eines ist sicher: spielen werden wir auch dann noch und ich werde immer noch viel zu lange Texte über ein an sich unbedeutendes Thema verfassen. Die Spiele selbst werden immer perfekter, schöner und massenkompatibler werden, zugleich jedoch mit Sicherheit auch stets experimentierfreudig, rau und in der Nische bleiben. Gute und schlechte Ideen werden kommen und gehen, denn letzten Endes bestimmt der Markt – und damit wir Spieler – was hängen bleibt. Es mag vielleicht nicht immer den Anschein haben … doch die Hersteller haben mittlerweile gelernt auf ihre Kundschaft zu hören. Ich lehne mich vermutlich nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte: uns Spieler mag die Vorstellung eines erneuten Zusammenbruchs vielleicht ein wenig schrecken, doch Hardwareentwickler, Publisher und Entwicklerstudios sind diejenigen, die bei dem Gedanken so richtig Dünnschiss bekommen (das sagt man doch so, oder?).

Ach ja … und das anfangs versprochen Bonusspiel? Behold! E.T. The Exta-Terrestrial!

3 Antworten auf E.T. und der Untergang der Videospiele

  1. DMJ sagt:

    Hach ja… die E.T.-Ausgrabung… das war ein großer Moment! Denn da konnte man in seinem Umfeld die Nerds und Nichtnerds perfekt unterscheiden: Die einen flippten vor Begeisterung aus, dass eine so wichtige Sache endlich erledigt wurde, die anderen hatten keinen blassen Hauch, was überhaupt los war. – Davon werden wir noch unseren Enkeln erzählen! 😀

    Der Analyse stimme ich zu.
    Auch mir scheint, dass Videospiele inzwischen soweit im kulturellen Mainstream verankert sind, dass sie nicht mal so eben wieder verschwinden werden, sondern höchstens von einer neuen Technik (Holo-Decks o.ä.) abgelöst werden können.
    Klar sind die tausend Sequels und Millitärshooter alles andere als innovativ, aber Hollywood recycled ja auch immer wieder. – Und das macht ja doch alles auch nichts. Man hat Popcornspaß mit dem neuen „Underworld“-Film (kommt eigentlich bald mal wieder einer?) oder „Call of Duty“-Teil, aber das heißt ja nicht, dass man nicht auch anspruchsvollere Sachen etwa von Indies konsumiert. Je größer und reicher die Branche wird, desto größer die Chancen auch für diese: Man denke an das New Hollywood, welches die ganzen Künstler in den Mainstream geholt hat und sie die Filmkultur quasi umschreiben ließ. Vielleicht passiert so etwas ja auch hier demnächst mal.

  2. GN sagt:

    Hab das Glück eine E.T Version zu Besizen ^^ Wird Gehütet wie mein Augapfel 😉

  3. Andreas sagt:

    Ich muss zu meiner Schande gestehen … selbst wenn ich eine E.T.-Version besitzen würde … ich habe keinen Atari VCS 2600 (mit diesem Geständnis bin ich in Retro-Gamer-Kreisen vermutlich direkt unten durch 😀 ).

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