South Park und die Hakenkreuze

south park 1

„We’re sorry to inform you that we are unable to deliver your pre-ordered version of South Park: The Stick of Truth on March 6th as initially planned. The German and Austrian version of South Park: The Stick of Truth contains an unconstitutional symbol which means that we are unfortunately not able to release the game on the German and Austrian market at this time. This concerns all versions/platforms of the game.“

… das liest man momentan als deutscher (beziehungsweise österreichischer) Vorbesteller von „South Park – The Stick of Truth“ auf Steam. Der Grund für diese Nachricht? Vermutlich hat Ubisoft bei der Bearbeitung der deutschen Version des Spieles das ein oder andere Hakenkreuz übersehen und diesen Faux Pas erst im letzten Moment entdeckt. Da kann man sich ärgern oder aber auch erleichtert aufatmen. Zum einen wird so garantiert, dass niemand ein „South Park“-Spiel mit nationalsozialistischer Propaganda verwechseln könnte (passiert schneller wie man denkt), zum anderen wird dadurch hoffentlich sichergestellt, dass dem Spiel ein ähnliches Schicksal wie „Wolfenstein (2009)“ erspart bleibt, welches wegen eines vergessenen Hakenkreuzes nachträglich vom deutschen Markt genommen wurde und von da an nicht mehr gesehen ward. Als Gamer kratzt man sich allerdings ratlos am Kopf und wundert sich, warum die Hakenkreuze in „South Park – The Stick of Truth“ gefährlicher sind als die Hakenkreuze in „Iron Sky“ oder „Frankenstein’s Army“.

PARAGRAPHENDSCHUNGEL

Der folgender Paragraph ist für den ganzen Symbol-Ärger verantwortlich:

(1) Wer Propagandamittel

  1. einer vom Bundesverfassungsgericht für verfassungswidrig erklärten Partei oder einer Partei oder Vereinigung, von der unanfechtbar festgestellt ist, daß sie Ersatzorganisation einer solchen Partei ist,
  2. einer Vereinigung, die unanfechtbar verboten ist, weil sie sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder gegen den Gedanken der Völkerverständigung richtet, oder von der unanfechtbar festgestellt ist, daß sie Ersatzorganisation einer solchen verbotenen Vereinigung ist,
  3. einer Regierung, Vereinigung oder Einrichtung außerhalb des räumlichen Geltungsbereichs dieses Gesetzes, die für die Zwecke einer der in den Nummern 1 und 2 bezeichneten Parteien oder Vereinigungen tätig ist, oder
  4. Propagandamittel, die nach ihrem Inhalt dazu bestimmt sind, Bestrebungen einer ehemaligen nationalsozialistischen Organisation fortzusetzen,

im Inland verbreitet oder zur Verbreitung im Inland oder Ausland herstellt, vorrätig hält, einführt oder ausführt oder in Datenspeichern öffentlich zugänglich macht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

[…]

(3) Absatz 1 gilt nicht, wenn das Propagandamittel oder die Handlung der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Abwehr verfassungswidriger Bestrebungen, der Kunst oder der Wissenschaft, der Forschung oder der Lehre, der Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens oder der Geschichte oder ähnlichen Zwecken dient. – § 86 Verbreiten von Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen (Hervorhebungen durch eternal-gamer.de)

Filme stehen hierbei ganz offensichtlich unter dem Generalverdacht Kunst zu sein. Das ist auch gut so. Deshalb müssen nicht einmal die Macher und Vertriebe mehr oder weniger gelungener Trashfilmchen wie „Iron Sky“ und „Frankenstein’s Army“ auch nur einen Gedanken an die Zensur der zahlreichen Nazi-Insignien in ihren Werken verschwenden. Bei Videospielen sieht die Sache wiederum ganz anders aus. Spiele sind Unterhaltungsprodukte, weit davon entfernt Kunst zu sein. Schund, der die leicht beeinflussbaren Geister der stumpf vor sich hin konsumierenden Masse verdirbt. Selbstverständlich ist „New Kids Turbo“ künstlerisch wertvoller wie „The Stanley Parable“ und „Transformers: Dark of the Moon“ inhaltlich gehaltvoller wie „To the Moon“ … das steht doch wohl außer Frage. Und deswegen darf sich Cartman in der siebten Folge der ersten „South Park“-Staffel an Halloween auch als Hitler verkleiden, während ähnliche Späße aus einem „South Park“- Spiel verbannt werden müssen. So!

 GESTATTEN: B.J. BLAZKOWICZ, KÜNSTLER!

„Spaß“ beiseite. Natürlich ist die Qualität oder der Unterhaltungsfaktor eines Spiels nicht von der Zahl der gezeigten Hakenkreuze abhängig. „Wolfenstein“ bleibt mit und ohne Swastika ein halbwegs unterhaltsamer Shooter, „Stick of Truth“ wird vermutlich auch ohne eindeutige Nazi-Witze noch lustig genug sein. Aaaaber: es frustriert mich ein wenig, dass Videospiele offenbar immer noch furchtbar weit davon entfernt sind als Kunstform anerkannt zu werden. Ein Beispiel: Natürlich ist „Postal 2“ künstlerisch nicht sonderlich wertvoll, „Postal – Der Film“ ist das allerdings auch nicht. Und trotzdem ist das eine ein Ergebnis künstlerischen Schaffens und das andere ein reines Unterhaltungsprodukt. Warum?

south park 2

Ganz einfach … weil kein Publisher das Geld in die Hand nehmen möchte wegen einiger Symbole die Änderung dieses Zustands vor Gericht zu erstreiten. Bei einem Spiel wie „Wolfenstein: The New Order“ dürfte sich das unter Umständen auch als schwierig erweisen: „Und hier, Herr Richter, sehen Sie wie der Held B.J. Blazkowicz einem Nazi-Cyborg mit dem Messer die Kehle durchschneidet. Das Messer und dessen Scheide symbolisieren hierbei die feminine Seite von Blazkowicz und den Kampf der unterdrückten Frau in einer chauvinistisch-machiavellistisch dominierten Umgebung. Ähem …“

Die USK hat Anfang dieses Jahres zwar verkündet, dass man den Kunstaspekt von Spielen bei zukünftigen Bewertungen stärker würdigen möchte, solange jedoch kein rechtsverbindliches Urteil vorliegt, wird man dort vermutlich weiterhin jedem Spiel mit verfassungswidrigen Symbol prinzipiell eine Freigabe verweigern. Und genauso lange werden wir wohl weiterhin keine Nazis, sondern wahlweise Achsenmächte oder „Die Wölfe“ in diversen Weltkriegsshootern bekämpfen. Und über Nazis lachen werden wir erst recht nicht! Schließlich wäre es auch vollkommen unangebracht sich über Nazis lustig zu machen! Zumindest in Spielen! Könnte ja Propaganda sein …

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Zensierte Einkauftipps: South Park: Der Stab der Wahrheit für 59,90 € (PS3 / Xbox 360) beziehungsweise 39,90 € (PC) und Wolfenstein: The New Order für 59,99 € (PS3 / Xbox 360 / PC) beziehungsweise 69,90 € (PS4 / Xbox One).

3 Antworten auf South Park und die Hakenkreuze

  1. DMJ sagt:

    Die ganze Hakenkreuz-Sache ist wirklich ein enorm trauriger Fall davon, wie gute Absichten schlechte Folgen haben können. Und jetzt nicht nur für die Gamer, sondern auch das Ansehen Deutschlands: Auf amerikanischen Seiten wird das Hakenkreuzverbot ja auch zuweilen erwähnt, aber die genauen Zusammenhänge sind nicht immer bekannt. So las ich einmal mit Befremden, wie ein User Verständnis dafür äußerte, dass die Deutschen nicht gegen das eigene Reich kämpfen wollten.
    Mh… Das dürfte nicht ganz im Sinne des Gesetzgebers ein!

    Dazu kommt dann noch der peinlich konservative Kunstbegriff. Comics haben ja ein ähnliches Problem, so dass (vermeintlich) anspruchsvolle Werke Hakenkreuze haben, sie bei Superhelden aber weiterhin entfernt werden, weil keine Rechtssicherheit besteht.
    Gerade „South Park“, als eine anerkannte satirische Franchise wäre eine gute Gelegenheit gewesen, die Sache zu hinterfragen und für klare Verhältnisse zu sorgen, aber das lässt sich natürlich leicht sagen, wenn es nicht das eigene Geld ist, das auf dem Spiel steht.

  2. Andreas sagt:

    Passend dazu auch noch ein Interview mit der Obersten Landesjugendbehörde auf http://www.pcgames.de, das ich nicht ganz unkommentiert stehen lassen … naja … will:

    Oberste Landesjugendbehörde: Videospiele und Filme haben viele Gemeinsamkeiten, aber auch wesentliche Unterschiede. Beide sind audio-visuelle Medien, doch im Gegensatz zum Film sind Videospiele interaktiv. Ein Spieler ist also nicht nur Rezipient eines feststehenden Inhalts, sondern kann als Akteur in die Handlung eingreifen, die Spielwelt gestalten und so neue Bedeutungszusammenhänge konstruieren.

    Kurz: Spiele sind keine Filme! Deshalb ist es auch völlig legitim, wenn Spiele und Filme in bestimmten Punkten unterschiedlich behandelt werden.“

    Mein Kommentar: Da stellt sich mir direkt die Frage, inwiefern die Interaktivität in Computerspielen, die Wirkung der verfassungswidrigen Symbole negativ beeinflusst bzw. ihre künstlerische Notwendigkeit mindert. Werden volljährige Erwachsene zu Nazis, wenn sie auf Nazis schießen können? Ist es negativ zu bewerten, wenn ich bei „South Park“ nicht nur dabei zusehe wie Nazis verulkt werden, sondern aktiv daran beteiligt bin (ohne zu wissen, welche Funktion die Hakenkreuze in „Stick of Truth“ exakt haben).

    Oberste Landesjugendbehörde: Die USK-Leitkriterien wurden nun – verkürzt gesagt – dahingehend konkretisiert, dass Computerspiele Kunst sein können. Für die Prüfpraxis ist das nichts Neues. Schon jetzt werden in den Prüfungen künstlerische Aspekte in Spielen beachtet, wie z.B. die audio-visuelle Gestaltung, dramaturgische Elemente oder die Charakterdarstellung. Wenn es um die Darstellung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen geht, ist der Fall aber ganz anders. Denn laut Gesetz ist die Verwendung solcher Kennzeichen grundsätzlich strafbar. Ausnahmen sind nur in sehr engen Grenzen zulässig – unter anderem, wenn diese der „Kunst dienen“.“

    Kommentar meinerseits: Und in Filmen wie „Frankenstein’s Army“ sind die Hakenkreuze der Kunst also dienlicher als in einem satirischen Videospiel wie „South Park – Stick of Truth“? I don’t think so.

    Oberste Landesjugendbehörde: Und hier sagt die derzeitige Rechtsprechung eindeutig, dass in Computerspielen keine Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen gezeigt werden dürfen. Deshalb besteht kein Handlungsspielraum für die Änderung der bisherigen Verwaltungspraxis. Eine Neubewertung wäre nur dann möglich, wenn die Gerichte anders entscheiden würden und dabei klarstellen, dass und gegebenenfalls unter welchen Bedingungen Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen in digitalen Spielen nicht strafbar sind.“

    Kommentar meinerseits: Und da sind wir wieder bei des Pudels Kern … solange niemand den Kunststatus von Spielen erstreitet, werden sie als solche auch nicht anerkannt. Wenn es dann so schrägen Folgen hat, wie den von dir genannten amerikanischen Nutzer, der denkt, dass es daran liegt, dass wir Deutschen nicht gegen das eigene Reich kämpfen wollen, dann ist das in seiner Außenwirkung ja schon beinahe bedenklich.

  3. DMJ sagt:

    Die Antwort geht in der Tat ziemlich am Kern vorbei.
    Ja, Videospiele sind ein anderes, da interaktives Medium, als die bisherigen Künste. Und ja, entsprechend müssen sie auch anders behandelt werden (etwa in der Gewaltfrage, wo ja wohl niemand leugnen wird, dass es ein Unterschied ist, ob man nur zusieht oder sie selbst betreibt).
    Aber das Hakenkreuzverbot ist eine gänzlich andere Sache, die nichts mit der Interaktivität zu tun hat. Ein Hakenkreuz ist ein Zeichen, keine Handlung, entsprechend von der Interaktivität recht unberührt.

    Ob Aktionskunst u.ä. wohl auch schon zu den Sinnen der Gerichte vorgedrungen sind? Irgendwie droht Deutschland da mal wieder die Entwicklung schön zu verschlafen.

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