Jazzpunk – Der nackte Horror

jazzpunkIch lebe gerne riskant. Wäre ich ein Superheld, würde man mich Danger-Andy nennen, denn Gefahr ist mein Geschäft. Mein Ernährungsplan ist recht speziell: Spannung ist meine Leibspeise und Adrenalin mein Lieblingsgetränk. Da ist es nur wenig verwunderlich, dass ich Filme am liebsten vollkommen ungesehen kaufe. Je weniger Informationen ich über den Streifen habe, desto besser. Ich weiß, ich weiß … das ist ganz schön verwegen. Als ich damals die „Hellraiser“-Tin für 180 DM gekauft habe, obwohl ich nur wusste, dass das Horrorfilme sind… ha … Evel Knievel hätte dem Händler sein Geld nicht wagemutiger reichen können. So einer bin ich nämlich!

Ganz anders sieht die Sache allerdings bei Videospielen aus. Diese kaufe ich nur ungern uninformiert. Okay … mir ist nicht immer jedes Spiel eines Humble Bundles bekannt, doch bevor ich in Steam auf „Kaufen“ drücke, lese ich im Normalfall den einen oder anderen Test. Vermutlich hängt das mit so manch traumatischer spielerischer Enttäuschung meiner Kindheit zusammen. Über das Spiel „Jazzpunk“ von Necrophone Games wusste ich jedoch so gut wie gar nichts, als ich es erstanden habe. Aber wie heißt es unter uns anglophilen Teufelskerlen so gerne: No risk, no fun, no pain, no gain!

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Dennoch stellt sich selbstverständlich die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass ich trotz Kindheitstrauma ein Spiel gekauft habe, welches mir quasi unbekannt war. Nun … um mein Misstrauen gegenüber dem Games-Blindkauf zu überwinden, spiele ich manchmal ein Spielchen, welches ich Russisch-Steam-Roulette getauft habe. Die Regeln sind denkbar einfach: Man scrollt sich lässig durch den Steam-Shop, schließt die Augen und lauscht seiner inneren Stimme. Wenn man diese dann leise und bestimmt „Jetzt“ sagen hört … ZACK … ein Klick … und das Schicksal hat entschieden, welches Spiel der Neuzugang in der Spiele-Bibliothek werden soll. Konfrontationstherapie nennt man das. Das ist natürlich schamlos erlogen und vollkommener Quatsch. Ich bin doch nicht wahnsinnig.

EINMAL COMEDY-ADVENTURE MIT WENIG ADVENTURE BITTE

Nein … ich bin irgendwo im Internet rein zufällig über „Jazzpunk“ gestolpert. Dabei habe ich mir allerdings nur einigen Screenshots angeschaut und die Schlagworte „Adventure“ und „Nackte-Kanone-Humor“ aufgeschnappt. „Adventures“ und „Nackte Kanone“ … zwei Dinge, die ich in meiner Jugend über alles geliebt habe. Ergo: Dieses Spiel hat es verdient einer genaueren Betrachtung unterzogen zu werden. Davon war ich überzeugt. Ohne zu Zögern erstand ich das gute Stück auf digitalem Vertriebsweg. Nach dem ersten Start folgte schnell die erste Überraschung: „Huch … das ist gar kein Point-and-Click-Adventure. Das wird ja aus der Egoperspektive gespielt.“ Nach wenigen Minuten schloss sich eine weitere Überraschung der ersten an und ging mit ihr einen trinken. Ich schaute ihnen hinterher und dachte: „Ja … die zweite Überraschung hat recht. Das ist zwar schon alles sehr lustig, aber irgendwie bereitet mir „Jazzpunk“  auch unterschwellig Unbehagen. Ich sollte besser auch einen Beruhigungsschnapps trinken gehen.“

„Jazzpunk“ ist bunt, albern und irgendwie gruselig. Oder bin ich am Ende der Einzige, dem das so geht? Die gesamte erste Spielstunde habe ich damit verbracht, darüber nachzudenken, warum ich beim Spielen zwar oft lachen musste, mich jedoch auch immer ein wenig unwohl fühlte. Grübelnd saß ich vor dem Bildschirm während ich im Spiel verschiedenste Spielfiguren ansprach und so manch heitere Antwort bekam. Und da kam mir mit einem Mal die Erkenntnis. Plötzlich war alles klar.

AGENTEN WIE WIR

Bevor ich darauf genauer eingehe, sollte ich allerdings noch einige Worte zum Setting des Spieles verlieren: Man spielt Polyblank, einen Geheimagenten, der sich in einer alternativen Version des kalten Krieges mit streng geheimen Agentendingen herumschlägt. Diese bekommt er von seinem schnauzbärtigen Boss zugeteilt. Die Aufgabenstellungen variieren – von „Folge dem Cowboy“ bis zu „Mache Urlaub“ – haben jedoch eines gemeinsam: sie sind streng genommen vollkommen irrelevant. Um eine „Mission“ zu beenden, muss man zwar die ein oder andere Aufgabe erfüllen, um wirklich unterhalten zu werden, sollte man jedoch besser gründlich die Umgebung durchkämmen, um zahlreiche ulkige Albereien, blöde Wortspiele, obskure Nebenaufgaben und abstruse Minispiele zu entdecken. Eine schnelle Runde „Wedding Cake“ lockert schließlich selbst den ödesten Agentenalltag auf. Wie? Ihr kennt „Wedding Qake … äh … Cake“ nicht? Schämt euch!

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In „Jazzpunk“ ist man nicht auf der Suche nach dem Easteregg im Spiel, sondern nach dem Spiel im Easteregg. Diese Aussage stammt zwar nicht von mir, trifft den Kern allerdings ganz gut. Es ist ein Exploration-Spiel und in dieser Hinsicht „Gone Home“ und „The Stanley Parable“ nicht unähnlich. Der Spaß entsteht nicht aus dem interstellaren Gameplay, sondern allein aus der Entdeckungsfreude des Spielers. Wer damit nichts anfangen kann, ist hier falsch. Ich kann mit dieser Art Spiel eigentlich sehr viel anfangen und bin hier trotzdem irgendwie falsch. Der Kniff an der ganzen Geschichte ist nämlich folgender: „Jazzpunk“ spielt nicht nur in einer alternativen Version des Kalten Krieges, sondern auch in einer Computerwelt, die unserer zwar nicht unähnlich ist, jedoch von Robotern bevölkert wird. Und da liegt dann schließlich der Hase im Grusel-Pfeffer.

COMEDY EXPLAINED

Ein Stilmittel der Komödie ist der Bruch mit dem Vertrauten. „Die Nackte Kanone“ ist ein Lehrstück in dieser Disziplin. Ein Beispiel: Der Polizist, der das Gedächtnis eines Informanten mit Geldscheinen nach und nach auffrischt, ist ein Szenario, welches so gut wie jedem bekannt ist, der schon einmal einen Krimi gesehen hat. Der Bruch folgt bei der „Nackten Kanone“ dann auf dem Fuß, wenn der Informant dem Polizisten Frank Drebin seinerseits wieder Geld zusteckt, um selbst eine eher banale Frage beantwortet zu bekommen (faszinierend wie man durch eine nüchterne Beschreibung des Inhalts fast sämtlichen Humor der Szene abtöten kann).

In der Theorie trifft genau das auch auf die zunächst vertraut wirkende Spielewelt von „Jazzpunk“ zu. Der Bruch erfolgt hier durch die Roboter, die mit emotionslos-monotoner Stimme auch vor den schmerzhaftesten Wortspielen nicht Halt machen. Das Szenario ist bekannt, jedoch ist alles eine Spur daneben … dummerweise nicht gut-daneben. Es ist nicht so, dass das Spiel nicht lustig wäre (denn das ist es, wenn auch nicht jeder Gag zündet), unterschwellig habe ich mich allerdings immer wieder gefragt, wieso diese Welt genau so aussieht wie sie aussieht. Wo sind die Menschen hin? Gab es überhaupt jemals Menschen? Ist das hier die Welt nach der zu erwartenden Roboter-Revolution? Halten die Maschinen sich vielleicht noch Menschen als Haustiere? Und wieso wirken einige der Roboter so als würden sie verzweifelt stur ihrer Programmierung folgen, obwohl sie gar nicht wirklich zu wissen scheinen, warum sie das tun? Ist das alles nur eine Metapher für den Kalten Krieg und das Spiel am Ende intelligenter wie die dumpf-lustige Hülle erahnen lässt? Bilde ich mir nur ein, dass hier irgendetwas nicht ganz zusammenpasst, so wie ich auch Jazz und Punk nicht wirklich zusammenpassen? Denke ich einfach zu viel nach?

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WAS BLEIBT IST RATLOSIGKEIT …

Während der Abspann über den Bildschirm flimmert, rätsele ich immer noch. Zahlreiche Review-Seiten feiern „Jazzpunk“ als lustigstes Spiel seit langem und ich sitze hier und frage mich, ob ich tatsächlich der Einzige bin, bei dem sich Lachen und Unbehagen ständig abgewechselt haben. Und was soll dieser ständige Vergleich mit „Die Nackte Kanone“? „Jazzpunk“ geizt zwar nicht mit Parodien und Persiflagen von Spielen, Filmen und Geek-Themen, die Brillianz der „Die Nackte Kanone“-Filme besteht jedoch darin, dass sie zwar immer schreiend komisch sind und mit hirnrissigen Albernheiten nicht geizen, dabei jedoch eigene Witze und Geschichten erzählen und nicht einfach andere Filme parodieren und persiflieren. Der Humor entsteht aus dem intelligenten Spiel mit vertrauten Klischees und nicht aus dem überspitzen Nacherzählen anderer Filme. Solche Vergleiche machen mich wütend! Mit Humor ist schließlich nicht zu spaßen! Ähem … was ich eigentlich sagen möchte: Auch wenn „Jazzpunk“ oft witzig und originell ist … „Die Nackte Kanone“ ist um Welten lustiger. So!

Bevor ich mich nun endgültig als Humor-Nazi oute, stelle ich meine Fragen lieber in die Runde: Sehe ich das zu eng? Habe ich einen Stock im Arsch? Bilde ich mir nur ein, dass „Jazzpunk“ irgendwie auch unheimlich ist? Und wie schmeckt eigentlich ein Kilobyte? Eure Antworten dürft ihr gerne in die Kommentare oder bei euch zu Hause auf ein Blatt Papier schreiben.

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„Jazzpunk“ für 13,99 € auf Steam oder für 10.99 € im Humble Store kaufen.

2 Responses to Jazzpunk – Der nackte Horror

  1. DMJ sagt:

    „Spannung ist meine Leibspeise und Adrenalin mein Lieblingsgetränk.“
    Und letzteres trinkst du vermutlich meist…

    (Achtung!)

    UNGERÜHRT ! ! ! ! ! !

  2. Andreas sagt:

    Verdammt … ob es jemandem auffällt, wenn ich den Gag noch in den Text einbaue und deinen Kommentar dann einfach lösche? *grübel*

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