Ein Spiel sie zu knechten …

darksouls_teaserAls regelmäßiger Besucher diverser Videospielseiten und deren Communitybereiche lernt man mit der Zeit die verschiedensten Arten von Kommentatoren kennen. Da gibt es beispielsweise die „Früher-war-alles-besser“-Fraktion, die Auf-den-Mainstream-Scheißer, die Call-of-Duty-Kiddies, die Call-of-Duty-Kiddy-Verächter, die Prinzipiellen-Nörgler … und dann gibt es da seit geraumer Zeit auch noch die „Dark Souls“-Snobs. „Dark Souls“-Snobs sind elitäre Spaßbremsen, die meinen, dass sie bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit erwähnen müssen, dass „Dark Souls“ (bzw. ein beliebiger anderer Teil der „Souls“-Reihe) allen anderen existierenden und zukünftig existierenden Spielen um ganze Multiversen überlegen ist. Ein Haufen verblendeter Prediger, die meinen, dass sie das Licht gesehen hätten und missionierend auf Seelenfang (pun intended) durch das Internet streifen. Eine furchtbare Brut ist das …

… aber vollkommen Unrecht haben sie ja leider nicht. Ähem …

Der ein oder andere wird sich eventuell noch erinnern: In meiner Artikelreihe über die härtesten Spiele meiner Spielerkarriere habe ich dem damals frisch erschienene „Dark Souls 2“ bereits einen prominenten Platz eingeräumt und seinerzeit sowohl Fluch- als auch Lobesworte gefunden. Mittlerweile ist einige Zeit ins Land gegangen und ich habe „Dark Souls 2“ mitsamt DLCs nach über 100 Stunden Spielzeit beendet. Es mag vielleicht ein wenig seltsam klingen … aber dieser Umstand schockiert mich ernsthaft. Noch nie zuvor habe ich über 100 Stunden in einziges Spiel investiert. Mit Ausnahme von „World of Warcraft“ und das zählt nicht. Ein Heroinsüchtiger ist schließlich auch nur beschränkt zurechnungsfähig.

INTO THE ABYSS …

Nachdem ich in der Vergangenheit bereits „Demon’s Souls“ angespielt und nach einigen Stunden irritiert wieder beiseite gelegt hatte, bin ich nicht davon ausgegangen, dass ich „Dark Souls 2“ tatsächlich beenden würde. Noch weniger hätte ich damit gerechnet, dass ich so enorm viel Zeit in das Spiel stecken würde, schließlich habe ich das Spiel streng genommen in erster Linie für den Blog gekauft, um in Videoform zu untersuchen, ob „Dark Souls 2“ ein Spiel ist, welches man auch mit der Freundin spielen kann (kommt noch…vielleicht…hoffentlich). Oh … wie sehr ich mich getäuscht hatte: Nachdem ich „Dark Souls 2“ beendet hatte, schlug ich beim Steam-Sale zu, erstand das erste „Dark Souls“ und spielte auch dieses in einem Rutsch durch. Doch damit war das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht: als die deutsch-polnische Souls-Light-Variante „Lords of the Fallen“ veröffentlicht wurde, stand ich am Abend vor dem offiziellen Veröffentlichungsdatum im Media Markt um die Ecke, in der Hoffnung, dass die Regale bereits mit den Neuerscheinungen des Folgetages befüllt waren. Ich verließ diesen mit einem Exemplar. Momentan fiebere ich dem 25. März 2015 entgegen, an dem mit „Bloodborne“ das neue Spiel des Souls-Masterminds Hidetaka Miyazaki veröffentlicht wird. Es ist Zeit mir einzugestehen, dass ich ganz offensichtlich ein Problem habe.

darksouls_bloodborne

Wie konnte das passieren? Was macht den Reiz der Spiele aus? Hat From Software eventuell einen Pakt mit dem Leibhaftigen persönlich geschlossen?

Ich könnte nun viel darüber erzählen wie toll es ist, endlich mal wieder von einem Spiel so richtig in die metaphorischen Eier getreten zu werden. Ich könnte das tief empfundene Gefühl der Befriedigung hervorheben, welches einen durchströmt, wenn man nach dem drölfzigsten Anlauf endlich das garstige Bossmonster erlegt hat, das mehrere Stunden lang erfolgreich die Fortführung des Abenteuers verhindert hat. Ich könnte ganze Aufsätze darüber schreiben wie toll es ist, dass es endlich wieder Spiele gibt, die einer klar spürbaren Lernkurve aufweisen und die einen dazu zwingen, die eigenen Reflexe und Taktiken nach und nach zu verbessern und gleichzeitig Unachtsamkeiten und Fehler hart bestrafen. Gleichzeitig könnte ich mit Erstaunen feststellen, dass es den Spielen trotz dieser Härten gelingt auf eine seltsam sadistische Art und Weise fair zu bleiben. Und wenn ich all das machen würde, hätte ich mit all dem Recht.

Aber ist das tatsächlich alles? Lässt sich die Brillianz der Souls-Reihe auf eine einfache und bereits den alten Römern bekannte Formel reduzieren: Zuckerbrot und Peitsche? Bedeutet das im Umkehrschluss, dass „Lords of the Fallen“, welches diese Formel in großen Teilen schamlos kopiert und teilweise sogar positiv modifiziert, ebenfalls brilliant ist? Ist diese einfache Formel möglicherweise der heilige Gral des Gamedesigns? Kann es tatsächlich so einfach sein?

Knapp zusammengefasst lautet meine Antwort: Nein! (Schade eigentlich …)

ES SIND DIE KLEINEN DINGE …

„Lords of the Fallen“ ist nicht schlecht (ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass es miiiindestens ganz gut ist), aber es ist nicht brilliant. Woran liegt das? Rein spielerisch ähneln sich die Spiele schließlich bis ins kleine Details hinein.

Einer der wichtigsten Gründe dafür lässt sich meines Erachtens in einem einfachen Satz zusammenfassen:

In der Souls-Reihe sammelt man Seelen, in „Lords of the Fallen“ Erfahrungspunkte.

„Na und?“, mag nun der ein oder andere sagen, „Das ist doch letzten Endes gehupft wie gesprungen.“ „Hahaha“, antworte ich daraufhin, „da irrst du dich, närrischer Tor“. Rein mechanisch mag es zwar egal sein, ob man durch Erfahrungspunkte oder durch Seelen im Level aufsteigt, atmosphärisch liegen dazwischen jedoch ganze Welten.

Und „Welten“ ist hier auch rein zufälligerweise genau das passende Stichwort. Nicht selten heißt es, dass die Souls-Spiele keine nennenswerte Story erzählen. Spielt man die Souls-Spiele nur oberflächlich und huscht blind von Boss zu Boss, kann es tatsächlich passieren, dass man mehrere hundert Stunden im Souls-Universum verbringt, ohne sich wirklich sicher zu sein, ob die Spiele überhaupt irgendeine nennenswerte Geschichte erzählen. Es gibt nur selten Zwischensequenzen, Dialoge sucht man vergeblich und die wenigen NPCs äußern sich lediglich in Form oftmals kryptischer Monologe. Wandert man jedoch mit offenen Augen durch die Welten der Souls-Spiele, wird man eventuell feststellen, dass jedes Gebäude, jeder Gegner und jeder Gegenstand Geschichte geradezu atmet. Die Spiele glänzen in einer Form des Geschichtenerzählens, die in dieser Form fast nur in Computerspielen existiert: dem Environmental Storytelling.

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Überall in den Spielwelten verteilt finden sich Hinweise auf die Geschehnisse, die sich einst in dort zugetragen haben. Architektur, Gegnerdesign und Items bilden gemeinsam ein vielschichtiges Puzzle, welches sorgfältig zusammengesetzt ein verschwommenes Bild von vergangenen Ereignissen zeichnet. Nach und nach meint man vielleicht zu verstehen, was es mit den Seelen auf sich hat und wieso man diese sammeln muss. Möglicherweise schnappt man auf, dass man der legendäre Chosen Undead sein könnte. Noch später erkennt man eventuell sogar, dass man nur Teil eines sich ewig wiederholenden Zyklus ist, dass man einen Weg beschreitet, den andere bereits zuvor erfolglos gegangen sind und deren Geister man überall in der Welt sehen kann. Man versteht, dass sogar genau jetzt zu diesem Zeitpunkt viele andere durch ihre eigenen Welten schreiten und ebenfalls zu beweisen versuchen, dass sie der legendäre Chosen Undead sind. Andere, die dir vielleicht in der Not zur Hilfe heilen, dir vielleicht aber auch hinterrücks auflauern. Oder ist man letzten Endes vielleicht doch nur eine kleine Schachfigur in einem viel größeren Spiel?

„OH, WE MEET AGAIN. HOW MANY OF YOU ARE THERE?“

Auf diese Art und Weise greifen Gameplayelemente – wie zum Beispiel das Aufleveln (durch Seelen) oder der Multiplayer (Phantome aus anderen Welten) – und die Geschichte fest ineinander. Für jedes spielerische Element gibt es eine inhaltliche Begründung und selbst wenn man nur mechanisch den zahlreichen Wikis folgend von Boss zu Boss marschiert, spürt man, dass hier einfach alles zusammenpasst. Selbst wenn man die Story bewusst (oder unbewusst) ignoriert, bleibt man von der dichten Atmosphäre nicht unberührt … gerade weil alles so hoffnungslos erscheint, gerade weil man nicht versteht, was eigentlich vor sich geht, gerade weil man in diesem Fiasko ganz alleine gelassen wird.

„Lords of the Fallen“ ist nutzerfreundlicher (was jedoch nicht gleichbedeutend mit nutzerfreundlich zu verstehen ist), erklärt mehr, sagt dem Spieler beispielsweise, welche Aufgabe als nächstes ansteht und lässt immer wieder leichter verständliche und bekannte Computerspielmechaniken durchblitzen. Dazu gehören zum einen Tutorialtexte, zum anderen aber eben auch die klassischen Erfahrungspunkte. All dies sind prinzipiell wünschenswerte Dinge, doch hier verhindern sie das Spieleerlebnis, das man aus den Souls-Spielen lieben gelernt hat. Rein mechanisch ist die Erfahrung ähnlich genug, damit man trotz allem seinen Spaß hat. Doch auf der emotionalen Ebene bleibt ein seltsam leeres Gefühl zurück.

YOU DIED

Und nun sitze ich hier … leicht perplex … und wundere mich über mich selbst. Ich bin niemand, der sich ein möglichst hartes Spielerlebnis zurückwünscht. Niemand, der den guten alten Zeiten hinterher trauert, in denen es in Spielen noch richtige Herausforderungen und Sackgassen gab. Im Gegenteil … ich möchte mich abends noch für ein kurzes Weilchen vor meine Konsole der Wahl pflanzen und eine möglichst angenehme Zeit verbringen. Ich möchte mich nicht ärgern, möchte nicht verloren gehen, möchte mich nicht erst einarbeiten müssen. Dennoch sitze ich jetzt hier und wünsche mir all das, das ich eigentlich nicht möchte.

Oder wusste ich vielleicht einfach nicht, dass es tief in mir drin einen kleinen und lange ignorierten Teil gibt, der eigentlich eben doch genau all das wollte … ?

Oh … wie sehr ich mich auf „Bloodborne“ freue …

 

… verdammt!

 

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Amazon-Einkauftipps: Wurde das Interesse geweckt einen Ausflug in die Souls-Welten zu wagen? Oder bist du einfach masochistisch veranlagt? Dann versuche dich doch an einem Teil Reihe:Demon’s Souls, Dark Souls – Prepare to Die Edition oder Dark Souls II (demnächst auch für die Playstation 4 oder Xbox One).

„Bloodborne“ erscheint wiederum am 25. März 2015.

Wer es ein wenig zugänglicher mag, kann sich aber auch einfach an „Lords of the Fallen“ versuchen.

Sollte man sich nicht für die Souls-Reihe interessieren, aber in den nächsten Stunden einen Einkauf bei Amazon planen, ist ein Besuch von Amazon über irgendeinen Amazon-Link hier im Blog trotz allem nett und ist eine einfache Methode den Betrieb des Blogs zu unterstützen. Und das ist eine Super-Sache (also für mich 🙂 ).

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