Quo vadis, Nintendo?

wiiu_teaserAm 20. Juni 2015 schrieb ich in der Kommentarspalte meines E3-Artikels prophetisch:

Und zu WiiU und NX schreibe ich die Tage (Wochen, Monate) noch einmal gesondert etwas …

… und gewohnt tagesaktuell ist es jetzt (nicht einmal ein Jahr später) auch schon so weit.

Ich möchte bereits sein geraumer Zeit einen Beitrag über Nintendos glücklose Konsole, die WiiU, schreiben. Ursprünglich, und damit meine ich “vor geraumer Zeit”, wäre dies vermutlich ein verhalten optimistischer Artikel geworden … doch dann kam die E3 2015 und mit ihr das Nintendo Digital Event, in dessen Verlauf mit jeder fortschreitenden Minute mein bis dato vorhandener hoffnungsvoller Optimismus dahin schwand. “The Legend of Zelda” wurde bereits im Vorfeld auf unbestimmte Zeit verschoben, “Star Fox” wirkte befremdlich (und das tut es jetzt – kurz vor Release – immer noch), “Super Mario Maker” war das einzige wirkliche Highlight … und seinerzeit hatte ich Zweifel, ob man einen Leveleditor wirklich als Highlight bezeichnen sollte (es hat sich gezeigt: MAN SOLLTE).

Im tiefsten Innern meines Herzens bin ich bis zum heutigen Tag ein leidenschaftlicher Nintendo-Fanboy. Auch wenn ich mich in den letzten Jahren zunehmend von Nintendo abgewandt habe, um eine wilde und schmutzige Liaison mit sämtlichen Sony-Konsolen einzugehen, werden Mario, Link und Samus stets einen festen Platz in meinen wobbelweichen sentimentalen Kern einnehmen. Sie begleiteten mich immerhin bei meinen ersten Schritte in digitale Welten … und das erstes Mal vergisst man bekanntermaßen nie (außer man war sehr sehr betrunken).

Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass nach und nach auch Nintendos aktuelle Systeme bei mir Unterschlupf fanden. Der New 3DS (und zuvor der alte 3DS) ist seit geraumer Zeit mein treuer Weggefährte bei jedem noch so beschwerlichen Klogang und vor nicht allzu langer Zeit landete dann schließlich auch die WiiU in meinem Regal.

WiiU – EINE LIEBE MIT HINDERNISSEN

Vorneweg: Ich mag die WiiU. Wirklich. Auf ihr erschienen einige der besten Nintendo-Titel der letzten Jahre … vermutlich sogar einige der besten Videospiele überhaupt. Leider ist sie bei mir dennoch nicht übertrieben häufig in Betrieb. Dies hat mehrere Gründe.

Einer dieser Gründe ist ein wenig speziell: meine Freundin. Die WiiU ist die eine Konsole, auf der es ziemlich viele Spiele gibt, die wir gemeinsam spielen. Zugleich begibt es sich, dass meine Freundin nicht unbedingt enorm oft enorme Lust hat Videospiele zu spielen. Gepaart mit dem Umstand, dass ich im Normalfall ein Spiel, das wir gemeinsam begonnen haben, nicht alleine weiterspiele, wird meine Spielzeit mit der WiiU schon alleine deswegen deutlich eingeschränkt.

Aber gut … diesen Punkt kann ich Nintendo vermutlich kaum ankreiden.

wiiu_bayonetta2

Doch auch Spiele wie “Bayonetta 2”, die meine Freundin nicht einmal mit der Kneifzange anfassen würde (O-Ton: “Das Spiel ist aber nervig”), werden nur sporadisch eingeworfen. Dies hat nichts mit der Qualität des Spiels zu tun, denn “Bayonetta 2” ist in so ziemlich jeder Hinsicht verdammt gut. Der Grund ist eher, dass der Start der WiiU für mich gefühlt immer mit ein wenig zu viel Aufwand verbunden ist. Die Schuld daran hat wiederum das Gamepad, dessen Akku durchgängig leer oder fast leer zu sein scheint. Da es vergleichsweise lange dauert bis dieser wieder aufgeladen ist, muss ich idealerweise ein paar Stunden bevor ich mich vor die WiiU setze, daran denken, dass Gamepad an die Steckdose zu hängen. Pöh…

In einem reinen WiiU-Haushalt sieht das vermutlich ein wenig anders aus, da das Gamepad in einem solchen vermutlich sowieso regelmäßig aufgeladen wird (meinen ebenfalls nicht unbedingt langlebigen Dualshock4-Controllern geht schließlich auch vergleichsweise selten der Saft aus). Auch hierbei handelt es sich also vermutlich zumindest teilweise um ein Luxusproblem.

(Hm…habe ich meine Freundin jetzt indirekt gerade als Luxusproblem bezeichnet?)

DIE KRUX MIT DER INNOVATION

Verweilen wir trotzdem noch ein wenig beim Gamepad. Ganz abgesehen von meinen persönlichen Akkuproblemen ist dieses meines Erachtens nämlich eines der großen Schwachpunkte der WiiU. Und warum? Weil es letzten Endes leider nur ein Gimmick ist. Ein Gimmick, dass zwar ohne Mucken exakt das macht, was Nintendo versprochen hat, aber nichtsdestotrotz nur ein Gimmick. Mit Ausnahme des “Super Mario Maker”s hat bis zum heutigen Tag noch kaum einem Spiel wirklich überzeugend demonstrieren können, dass das WiiU-Gamepad eine neue und wegweisende Gameplayerfahrung ermöglicht. Im Gegenteil: Der Großteil der WiiU-Spiele ließe sich ohne Gamepad ähnlich gut spielen wie mit diesem. Überraschenderweise hat sich das von Nintendo propagierte asynchrone Gameplay nicht als das erhoffte Innovationswunder erwiesen.

Die Möglichkeit WiiU-Spiele auch ohne Fernseher direkt am Gamepad zu spielen ist in der Theorie zwar toll und bietet sich dafür an im Bett noch schnell ein paar Mario-Level zu meistern, wird durch die geringe Reichweite des Gamepads jedoch schnell ausgebremst. Im Normalfall ist nach 5-6 Metern Schicht im Schacht. Selbst in unserer vergleichsweise bescheidenen Wohnung überbrücke ich damit nicht die Distanz zwischen Wohn- und Schlafzimmer. Mit PS Vita, PS4 und Remoteplay gelingt mir das wiederum.

MEHR GAME, WENIGER PAD

Das K.O.-Kriterium ist letzten Endes leider Gottes dann allerdings doch das Spieleangebot. Moment, Moment, Moment … vielleicht sollte ich das ein wenig positiver ausdrücken: das Tolle an der WiiU ist, dass man selbst mit einem vergleichsweise kleinen Geldbeutel so ziemlich alle relevante Spiele käuflich erwerben kann. Klammert man die vereinzelt noch erscheinenden Multiplattformtitel und Indie-Spiele aus, wird die sowieso bereits magere Zahl an Neuerscheinungen beunruhigend niedrig. Zwar ist diese kleine, aber durchaus feine Spielebibliothek voller Perlen, doch auch diese hat man irgendwann erschöpfend gespielt. Dann bleibt einem nichts anderes übrig als auf den zäh nachtröpfelnden Nachschub zu warten.

wiiu_mariomaker

Selbst Nintendo scheint mittlerweile unter dem Druck beinahe im Alleingang das gesamte Spieleangebot der WiiU stemmen zu müssen leicht ins Wanken zu geraten. Wirft man einen Blick zurück auf das Jahr 2015, sieht man dort eine ordentliche Zahl rein digitaler Veröffentlichungen, einige Retailveröffentlichungen von Second- und Third-Party-Herstellern von schwankender Qualität und einige Retailveröffentlichungen von Nintendo … überraschenderweise ebenfalls von leicht schwankender Qualität. Es gab zwar auch echte Perlen wie “Splatoon” und den bereits zuvor erwähnten “Super Mario Maker”, aber Spiele wie “Mario Tennis – Ultra Smash” und “Yoshi’s Wooly World” wurden von der Kritik vergleichsweise verhalten aufgenommen. Fairerweise sollte man allerdings erwähnen, dass die wenigen Ausreißer nach unten zum Teil lediglich von Nintendo vertrieben, allerdings nicht entwickelt wurden. Blicken wir also lieber nach vorne.

DIE NX: EINE WUNDERKONSOLE?

Nach aktuellem Stand ist die Zukunft der WiiU allerdings auch nicht unbedingt rosig. Mit der mysteriösen NX steht bereits die Nachfolgekonsole in den Startlöchern, die Gerüchten zufolge noch dieses Jahr erscheinen soll. Gerüchte ist hierbei das richtige Stichwort: Derzeit stammt fast alles, was man über die NX weiß oder zu wissen glaubt, aus dem Reich der Spekulation, basierend auf Prognosen, angeblichen Insiderinformationen und eingereichten Patenten. Fasst man all diese “Informationen” zusammen, bekommt man ein ziemlich klares Bild von der NX: die NX wird die leistungsstärkste Konsole, die zugleich jedoch technisch schockierend zurückhaltend zu sein scheint. Ein Hybrid aus Handheld und stationärer Konsole, unterstützt durch eine Cloud und mit anderen Plattformen kompatibel. Als Betriebssystem könnte Android zum Einsatz kommen (oder vermutlich eher nicht) und “Beyond Good & Evil 2” gibt es als Exklusivtitel zudem noch oben drauf. Zudem dürfte “Zelda WiiU” der Top-Launchtitel der neuen Konsole werden (wovon ich mittlerweile tatsächlich vollkommen ausgehe und was mich persönlich etwas ärgern würde, habe ich die WiiU doch in erster Linie für eben dieses Zelda gekauft).

wiiu_nx

Der geleakte (wenn auch nicht nicht vollkommen echte) NX-Controller.

Oder anders ausgedrückt: bisher herrscht in erster Linie Verwirrung an allen Fronten. Einiges wurde bereits dementiert, anderes wird zunehmend wahrscheinlicher. Nicht genaues weiß man nicht … außer man arbeitet bei Nintendo. Momentan gehe ich davon aus, dass die NX ebenfalls nicht leicht haben wird, da es Nintendo in den letzten Jahren (vermutlich nicht vollkommen freiwillig) gelungen ist, sich ein kleines Loch zu graben, in dem die Japaner nun sitzen und ihr eigenes Ding machen während der Rest der Welt “Call of Duty” spielt (oder “FIFA”, oder “Destiny”, oder “Final Fantasy”, oder …). Es scheint eine loose-loose-Situation zu sein: Sollte die NX technisch der PS4 und der Xbox One ähneln, werden die Absätze eher gering sein, da mittlerweile fast jeder Spieleinteressierte eine der beiden Konsolen zu Hause stehen haben wird. Ist sie ein wenig stärker, bleibt die Prognose gleich, da kaum einer eine weitere Konsole anschaffen wird, um die gleichen Spiele in ein wenig hübscher zu spielen. Macht Nintendo wiederum sein eigenes (eventuell durchaus innovatives) Ding, bleibt vermutlich erneut der Third-Party-Support aus, da es einen nicht unbedeutenden Mehraufwand bedeutet, Spiele an Nintendos Extrawürste anzupassen.

… UND DOCH …

Eine Sache spricht entgegen all meiner Vorbehalte jedoch für die NX: Nintendo. Zwar ist nicht jedes Produkt, welches den kreativen Köpfen der Japaner entspringt, ein Treffer, doch man sollte nicht vergessen, dass es Nintendo bereits wiederholt unerwartet gelungen ist den Spielemarkt zu revolutionieren.

Denke ich, dass dies auch mit der NX der Fall sein wird? Nein … eher nicht. Doch vollkommen ausschließen möchte ich es nicht …

So oder so … spätestens mit dem Erscheinen der NX ist die WiiU offiziell tot, ohne dass sie jemals so richtig gelebt hat. Schade um all die wirklich hervorragenden Spiele, welche viele Spieler niemals spielen werden … außer die NX ist abwärtskompatibel, unfassbar erfolgreich und man ist dann selbst gewillt einige WiiU-Titel nachzuholen.

3 Antworten auf Quo vadis, Nintendo?

  1. DMJ sagt:

    „das Tolle an der WiiU ist, dass man selbst mit einem vergleichsweise kleinen Geldbeutel so ziemlich alle relevante Spiele käuflich erwerben kann.“
    Das ist wunderschön ausgedrückt!
    Seit Kurzem habe ich auch eine WiiU (nur die weiße, aber sie war im Bundle mit „Skylanders: Trap Team“ für einen Spottpreis im Angebot), habe „ZombiU“ und „Bayonetta 2“ da… und nun gibt es nur noch die erstklassigen Nintendo-Kerntitel, die Vermögen kosten und nie billiger werden.
    Es gibt also wenig und das kostet auch noch überdurchschnittlich viel.

    Dass sie die Konsole jetzt wohl fallen lassen, nehme ich ihnen auch etwas übel. Habe tatsächlich nichtmal meine Wii-Daten auf das neue Gerät übertragen und argwöhne fast, dass ich mit dessen Minimalfestplatte auskommen könnte. Ich setzte doch nicht mehr Vertrauen hinein, als Nintendo selbst.

  2. Andreas sagt:

    Neben den Core-Nintendo-Titeln gibt es immerhin auch noch „Xenoblade Chronicles X“, welches ich tatsächlich auch recht gut finde, und dass obwohl ich jetzt nicht der allergrößte Japano-Rollenspieler bin. Und vermutlich gibt es auch noch 1 oder 2 andere, die mir gerade nur entfallen sind.

    Die Preise der Nintendo-Core-Titel sind tatsächlich immer skandalös preisstabil. Das waren sie bereits zu Wii-Zeiten (und vermutlich auch davor, ich weiß es allerdings nicht mehr genau). Allerdings kosten vor allem neuere Titel oft ein gutes Stück weniger als Spiele andere Konsolen direkt bei Erscheinen („Splatoon“ und „Mario Maker“ kosten beispielsweise seit jeher unter 50 €).

    • DMJ sagt:

      XCX (welch seltsam aussehende Abkürzung) sticht mir auch immer wieder ins Auge, aber da lass ich die Finger von. – Habe das Original angespielt und trotz toller Optik und schick großen Monstern hat mich das Kampfsystem (unentschlossen zwischen Echtzeit und Rundenbasiert) absolut genervt. Bin damit an einem der ersten richtigen Bosse gescheitert und als mir klar wurde, dass es so spaßig wie eine Steuererklärung wäre, die Move-Ketten zu erlernen, habe ich es genervt abgebrochen.

      Aber erstmal habe ich ja noch „New Super Mario Bros U“ vor mir, mit dem man ja kaum was falsch machen kann. 😀

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